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FRANKFURTER RUNDSCHAU
Brahms: Roots and Memories (9 Oct 2008)
Johannes Brahms, so erklärt der Dirigent Sir John Eliot Gardiner, liege ihm "nicht nur am Herzen, weil er eine so ausdrucksvolle und leidenschaftliche Musik geschrieben hat, sondern auch, weil er einer der ersten Historiker unter den Komponisten war". Historiker also unter sich: Der Brite, von der Alten Musik kommend zum bemerkenswerten Universalisten geworden, hat 2008 zu seinem persönlichen Brahms-Jahr erklärt. In 28 Konzerten stellt er mit seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique und seinem Monteverdi Choir fünf Brahms-Programme vor, die es in sich haben.
Denn während andere Dirigenten kurzerhand Sinfonie an Sinfonie reihen würden, nähert sich Gardiner seinem Brahms von der gar nicht repräsentativen Seite. So ließ er etwa jetzt in der Alten Oper Frankfurt Schubert-Chorsätze singen, die Brahms mit Horn und Harfe anreicherte, oder eine Auswahl jener Renaissance-Werke inklusive Heinrich Isaacs Innsbruck-Lied, die der Historiker Brahms für sich gesammelt hatte. Brahms eingekreist, um ihn dann punkt- und stilgenau zu treffen.
Und dieser Brahms ist ein gänzlich unbekannter, zum Teil befremdender. Da klingt der Kanon für sechs Frauenstimmen "Einförmig ist der Liebe Gram" überdeutlich nach Franz Schuberts "Leiermann". Schauerkälte macht sich breit, wenn die exzellenten Sängerinnen des Monteverdi Choir in schneidender Präzision den "Gesang aus Fingal" anstimmen. Den Hornpart dazu lässt Gardiner von Naturhörnern spielen, obwohl zur Zeit von Brahms das so genannte Wiener Horn bereits zur Verfügung stand. Das zart-leise Schmettern des ventillosen Naturinstruments scheint in seiner Wirkung aber gerade hier unersetzlich.
Die Frage nach dem epochenüblichen Horn tritt vollends in den Hintergrund bei der dritten Brahms-Sinfonie. Alleine schon optisch: Gardiner lässt seine Orchestermusiker so Aufstellung nehmen, wie man es nur von Barockensembles kennt, also Geigen und Bratschen trotz großer Zwölferbesetzung stehend.
Das Orchester gibt so bereits ein revolutionäres Bild ab - das sich ohne Umwege auf den Klang zu übertragen scheint. Die Streicher wirken ungemein bewegt, dosieren ihr Vibrato wie auch ihr Legato genau, der Poco-Allegretto-Satz schüttelt hier endlich einmal sein stets mit sich herumgeschlepptes Pathosbündel ab. Die Farbmischungen dieser dritten Sinfonie, das hat Eduard Hanslick seinerzeit festgestellt, seien die reizendsten überhaupt - hier, auf John Eliot Gardiners Werbefeldzug für den universalen Brahms, war dies wirklich nicht mehr zu überhören. -Stefan Schickhaus-
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