Leipziger Volkszeitung Deutsches Requiem Review
Die emotionale Kraft der Perfektion
John Eliot Gardiner dirigiert Brahms' Deutsches Requiem im Großen Concert
Von peter korfmacher


Noch nach der Drucklegung hat Johannes Brahms immer wieder Hand angelegt an sein Deutsches Requiem, dessen vollständige Uraufführung im Gewandhaus ihm 1869 endgültig einen Platz zwischen den Allergrößten sicherte. Die Stoßrichtung seiner vor allem immer wieder die Artikulation betreffenden Retuschen ist eindeutig: Um Klarheit war es ihm zu tun, was er in die Partitur geschrieben hatte, sollte auch hörbar sein. Jeder Ton. Das ist auch der Ansatz John Eliot Gardiners, der die sieben Sätze der Hoffnung und Zuversicht über das unausweichliche Ende hinaus in den Großen Concerten dieser Woche aus sich selbst neu erschafft. Es klingt so
einfach. Aber die Gefahr ist groß, dass, geht ein Dirigent diese Partitur mehr strukturell an als vom Klang her, ein Analyse-Aufsatz dabei herauskommt. Und ein Blick auf den Programmzettel nährt die Sorge, da ginge es einem vor allem um philologische Fragen: Dem Deutschen Requiem schickt Gardiner Heinrich Schütz' Vertonungen von Bibelstellen voran, derer auch Brahms sich bediente. Schütz, der Säulenheilige des Johannes Brahms, dessen musikalischer Haltung, dessen marmorner Linienführung er so viel verdankte.

Doch wie Gardiner da mit seinem atemberaubenden Monteverdi Choir "Die mit Tränen säen" musiziert, "Wie lieblich sind deine Wohnungen", schließlich "Selig sind die Toten", das hat nichts vom Koketten: Seht - da hat er's her. Schon diese tröstlichen Todesbetrachtungen aus finsterster Zeit streifen unter Gardiners formenden Händen und aus den Kehlen des auf ihn eingeschworenen Vokalensembles, das er vor 50 Jahren gründete, alles Vergängliche ab. Es spielt keine Rolle, dass dies Klänge des Frühbarock sind - sie erreichen auch heute noch das Herz mit ihrer unmittelbaren Herbheit, die Brahms erneut bemüht, um musikalisch über letzte Fragen zu meditieren. Auch im Deutschen Requiem trägt der Chor die Hauptlast der Verkündigung. Und dieser Chor singt, als habe er mit den Fährnissen dieser Welt nichts zu schaffen. Auf der technischen Seite gibt es wenige Ensembles, die mit kaum vier Dutzend Sängerinnen und Sängern eine solche Wucht entwickeln wie der Monteverdi-Choir, wenn Gardiner sie abruft. Noch seltener sind die Klarheit, Homogenität, sprachliche Kultur des Klangs, den der Sir in Echtzeit und ganz nach Belieben modellieren kann.

Doch seine Einzigartigkeit entwickelt der Monteverdi-Choir erst dadurch, dass er all seine Perfektion ganz uneitel in den Dienst der Musik stellt. Diese Sängerinnen und Sänger prunken nicht mit ihrem immensen Können. Sie ziehen sich dahinter zurück und lassen Brahms den Vortritt. Ebenso hält es Matthias Goerne, dessen Wunder-Bariton auch dann das Samtene nicht ablegt, wenn er machtvoll davon kündet, dass auch er "davon muss" bis "zu der Zeit der letzten Posaune". Wie ein Resonanzkörper nimmt Goerne Gardiners ästhetisches Credo in sich auf, sehnt ganz offenkundig den Augenblick herbei, dass auch er seinen Beitrag leisten kann zu dieser Sternstunde, dann, wenn sein Ruf gerade nicht gefragt ist, keine Sekunde still, saugt die Klänge um ihn herum ein, und bündelt sie schließlich in machtvolle Schönheit von höchster Autorität. Dagegen fällt Hannah Morrisons etwas spitziger, etwas poröser, etwas
nervöser Sopran zwar etwas ab. Aber auch dies tut der Größe dieses Großen Concerts keinen nennenswerten Abbruch.

Das gelingt auch den Lufteinschlüssen nicht, die im Gewandhausorchester um Konzertmeister Sebastian Breuninger den Glanz dann doch ein wenig trüben. Hier mulmt unschön ein tiefes Horn, dort wackelt ein Holzbläser-Akkord, verliert sich eine der Posaunen im Ungefähr der Intonation. Insgesamt aber stellt sich auch das Orchester mit aufgerauten Pastellklängen in den Dienst der musikalischen Klarheit und Disziplin, aus denen Gardiner die gewaltige emotionale Kraft dieser Brahms-Aufführung gewinnt.

Die stört ernsthaft nur das Handy-Gedudel zur an der Grenze zur Stille chorisch vorgetragenen Feststellung: "Ja der
Geist spricht". Ohne diesen elektronischen Zwischenruf wäre die lärmende Stille vor dem tosenden Jubel vielleicht
noch etwas länger ausgefallen.

22 November 2014