Leipziger Volkszeitung Audio Invasion Review
Symphonie trifft Smartphonie
Hipster im Gewandhaus: Die 7. Audio Invasion berauscht mit Brahms und Beats bis in den Sonntagmorgen
Von mark daniel


Es ist Samstagabend, es wird Samstagnacht, Sonntagfrüh. Eine Zeitspanne von rund acht Stunden, in der es gilt, Irrtümer dieser grandiosen Audio Invasion im Gewandhaus aufzuklären. Zuerst den des schon sehr beschwingten Besuchers: Auch wenn man es wegen der Präsenz eines Nobel-Kfz-Bauers denken könnte - die Veranstaltung heißt nicht "Auto Invasion".

Zur Eröffnung des Großen Concerts im Großen Saal klärt zudem Gewandhaus-Direktor Andreas Schulz über die Gepflogenheit in der Klassik auf, nicht zwischendurch, sondern lediglich am Ende der Darbietung zu klatschen. Nächster Punkt: Sir John Eliot Gardiner ist trotz seines klangvollen Namens kein Held eines Computerspiels, sondern ein weltberühmter Dirigent, der mit seinem Monteverdi Choir und dem Gewandhausorchester zelebriert, wie sich Johannes Brahms' Deutsches Requiem selbst in der Bauchgegend von Unkundigen ausbreitet. Eben denen dämmert dann auch nach einer Weile, dass die Frau links und der Mann rechts von Gardiner nicht mit den Händen im Schoß sitzen, weil sie die Instrumente vergessen haben, sondern auf ihre Solo-Einsätze als Sänger warten. Genug Gelegenheit für Hannah Morrison und Matthias Goerne, das untypische Publikum zu studieren: Fast durchweg junges Gemüse zwischen Milchgesicht und Vollbart-Hipster, gefühlt 40 Jahre jünger als der Altersdurchschnitt der Gewandhaus-Anrechtsbesitzer. Hohe Dichte an Facebook-Profilinhabern mit Kapuzenpullis, TShirts, Tattoos. Neugierig und aufmerksam begreifen sie das Konzert allmählich weniger als Chill-Zone denn als das, was es ist: mitreißend, intensiv, emotional.

Damit wäre ein weiterer Irrtum abgehakt, denn die Schicksal-verkündende Schwere eines Requiems verträgt sich durchaus mit dem Pulsieren im Elektro-Wummern. Feiert die Leichtigkeit, denn sie ist vergänglich, mahnt Brahms. Und das machen sie. Auf die Symphonie folgt die Smartphonie, es wird gepostet und geposed. Das Gewandhaus glüht in Rot und Blau und Lila, Nebel zieht durch Foyers und Flure, der ehrwürdige Musentempel wird zum Partykarton, in dem es flimmert, die Beats rumoren und sogar eine Gitarre schnarrt: Bei den Glass Animals aus Oxford zum Beispiel, die auf ihrem Debütalbum "Zaba" Indietronica, Soul, Folk, Triphop und afrikanischen Riddims mischen und nun live durch die Leipziger Scheinwerferkegel schicken. Sphärisch dicht ist das und zwingend tanzbar, zusätzlich angetrieben durch Dave Bayley, der wie ein Flummi über die Bühne des Mendelssohnsaals hüpft. Im Anschluss verbreiten Fabian Fenk und Anton Feist das, was sie unter dem Namen The/Das selbst "Techno Tenderness" nennen. Elektronische Beats treffen auf die zerbrechliche Stimme Fenks, der barfüßig und in Shorts die Spielfläche ausmisst. Zum selben Zeitpunkt ist es im Mendelssohn-Foyer schon längst rappelvoll und alles in Bewegung, weil Francesco Tristano seine Tasten, Knöpfe und Regler bedient. Skurril, wie über allem die drei Meter große Bronzestatue Mendelssohns wacht.

Auch im Großen Saal, in dem die Brahms-Botschaft schwebte, regieren jetzt die DJs. Zwischen den ekstatisch zuckenden Jungen sind noch einige reife Invasions-Besucher auszumachen, die das Brodeln mehrerer Vulkane beobachten und erkennen, dass das Plattentellerbelegen hier nichts mit Dienstleistung, sondern mit Kunstausübung zu tun hat. Wobei es schon wieder saucool wäre, einen wie Reznik oder die Tuff City Kids anzutippen: "Haste auch was von Depeche Mode?".

Die Nacht wird alt, man pendelt vom Popcornstand über Foyers und Säle bis zum Jägermeister-Fotoautomat, befreit von Nüchternheit und Irrtümern. Eine Besucherin übrigens auch von ihrem Hochzeitsring, der gegen 3 Uhr auf dem Mädelsklo gefunden wurde. Aber Ehe und Irrtum - das ist eine andere Geschichte. 

24 November 2014