Leipziger Volkszeitung Brahms Review
Energisch und impulsiv
Gardiner dirigiert Brahms im Großen Concert
Von Benedikt Lessmann


Dass Chormusik und Symphonik im selben Konzert nebeneinanderstehen, kommt im Konzertleben zu selten vor. Das ist jedenfalls ein Schluss, den man aus dem Großen Concert dieser Woche ziehen kann. Dort nämlich traten gestern und vorgestern im Gewandhaus die beiden Domänen zusammen. John Eliot Gardiner stellt nicht zum ersten Mal ein Programm vor, in dem a-cappella-Motetten ebenso auftreten wie rein instrumentale Symphonik. Brahms ist die Überschrift, der Weg führt zu dessen erster Symphonie.

Zuvor singt der fabelhafte Monteverdi Choir begleitete und unbegleitete Chormusik von Brahms und Mendelssohn. Ein Abend in c-moll. Kurzfristig hat Gardiner noch mit einer Motette Johann Hermann Scheins eine frühbarocke Programmergänzung vorgenommen - weil das Konzert sonst etwas kurz gewesen wäre? Passend ist ihr ernster Ton allemal, sie steht für die Fülle der Tradition, aus der Mendelssohn und Brahms mehr als zwei Jahrhunderte später schöpften.

Gardiner schont sein Publikum nicht: Von düsterem Ernst sind gleich die ersten Töne von Brahms' "Begräbnisgesang". "Nun lasst uns den Leib begraben", singt da der Chor, bedeutungsvoll droht die Pauke, wie später in der ersten Symphonie. Kein Zweifel, ein Weltklasse-Ensemble, dieser Monteverdi-Choir. Gardiner fordert von ihm ohne Abstriche ein, was in der Partitur steht. Das Fortissimo in Mendelssohns "Mitten wir im Leben sind" lässt in dieser radikalen Umsetzung ein wenig die Grenzen auch dieses Chores erkennen. Die Tonschönheit, Gardiner opfert sie um des Ausdrucks willen.

Dieser Befund gilt dann auf instrumentaler Seite ähnlich auch für Brahms' Symphonie, jenen mühsamen errungenen späten Erstling eines bereits 43-jährigen Komponisten, den das Gewandhausorchester so häufig spielt wie nur wenige andere Werke. Doch anders als viele Dirigenten übersetzt Gardiner das schwere c-moll nicht in behäbiges Pathos, sondern geht das Werk energisch und impulsiv an.

Auch nach vielen Jahren der Beschäftigung mit Brahms lässt Gardiner immer noch seine Prägung durch alte Musik und historische Instrumente erkennen - und das ist gut so, sorgt es doch für einen Brahms, der frei ist von philharmonischem Ballast. Großartig wie selten reißt der erste Satz mit, berührend schlicht gelingt der langsame zweite. Doch mehr und mehr stellt sich im Orchester ein etwas angerauter Klang ein, der so vielleicht nicht zwangsläufig aus der resoluten Interpretation folgen müsste. Das ist in der Summe aber immer noch um Längen interessanter als das durchgesessene Brahms-Sofa, auf dem es sich viele andere Dirigenten bequem machen.
Auf der ganzen Linie grandios ist übrigens der einzige gemeinsame Part von Chor und großem Orchester, das "Schicksalslied" desselben Brahms im ersten Konzertteil. Herrlich erdig klingt hier das Gewandhausorchester, satt und voll der Chor. Das ist die Magie Gardiners, die dem Abend ansonsten etwas fehlt.

24 November 2014